»Woche der Brüderlichkeit« in Frankfurt eröffnet - Rede von Bedford-Strohm bei der Zentralen Eröffnungsfeier der Woche der Brüderlichkeit am 5.3.2017

06-03-2017 00:17 von Jürgen Krappe

Am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther seine berühmten 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. Ob der Thesenanschlag tatsächlich so stattgefunden hat, wissen wir nicht mit Gewissheit. Trotzdem wurde der 31. Oktober zum Symboldatum. Er erinnert an den Anfang der Reformation vor 500 Jahren. Die Bremer Kundgebung der EKD-Synode „Martin Luther und die Juden“ zitiert auf dem Weg zum Jubiläumsjahr 2017 darum keineswegs zufällig die erste der 95 Thesen: „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: 'Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen', wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.“

Luther hat den Ruf zur Buße in den Jahren nach 1517 Zug um Zug ausgeweitet auf alle Bereiche des christlichen und kirchlichen Lebens. Buße wurde zu einer protes-tantischen Grundhaltung, nicht als Verstetigung des schlechten Gewissens, sondern als stete Bereitschaft zur Umkehr und zur Neuausrichtung des Lebens am Evangeli-um. Davon konnte auch das Verhältnis der Kirche zu den Juden nicht unberührt blei-ben. Und für einen Moment in der Reformationsgeschichte schien es, als könne ein neuer Ton, ein neuer Umgang, Eingang finden in das Verhältnis von Christen und Juden. Luther fand freundliche und wertschätzende Worte für die Juden in seiner Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ von 1523.
Wir wissen, dass Luther diesen Ton der frühen Jahre nicht durchgehalten hat. Juden-feindliche Denkmuster gewannen am Ende die Oberhand; sie prägten auch die Hal-tung der meisten Reformatoren und bestimmten das historische und theologische Erbe des Protestantismus bis ins 20. Jahrhundert. Auf vielfache Weise ist die Kirche in ihrer Geschichte zutiefst schuldig geworden gegenüber dem Judentum und blieb verstrickt in die Geschichte von Judenfeindschaft und Antisemitismus. Die Erinnerung daran erfüllt uns heute mit großer Trauer und mit Scham.
Wenn das ganze Leben eine Buße sein soll, gehört ein kritischer Umgang mit der eigenen Geschichte dazu. Aus der Erfahrung mit vergangenen Jubiläen wissen wir um die Gefahr geschichtsvergessener Verklärung und naiver Inanspruchnahme. Die auf uns lastende Schuld der Vergangenheit nimmt uns in die Pflicht. Die Bremer Er-klärung der Synode der EKD spricht von einem Lernprozess der Kirchen, der nach 1945 einsetzte. Es war ein mühsamer, vielfach zögerlicher Lernprozess in vielen kleinen Schritten. Er führte von der Erkenntnis der kirchlichen Mitschuld an den Ver-brechen der Schoah über eine Neubestimmung unseres Verhältnisses zum Judentum hin zu einem Neuanfang in der Begegnung mit Jüdinnen und Juden. Ein Neuanfang, der weniger unser Verdienst als Kirche als vielmehr ein Geschenk unserer jüdischen Schwestern und Brüder ist. Dass dies möglich war, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Die Erklärung von Bremen bestärkt uns, diesen Weg weiter zu gehen. Sie nimmt uns zugleich aber auch in die Pflicht.
Der christlich-jüdische Dialog (CJD) befindet sich heute in einer Situation des Um-bruchs und des Generationenwechsels. Wir erleben die Rückkehr antisemitischer Vorurteile. Es bedarf neuer Anstrengungen, um die Anliegen des Dialogs an eine nachwachsende Generation zu vermitteln. Ich bin dankbar für das vielfältige Engagement in den einzelnen Landeskirchen, das genau dieses Ziel verfolgt. Und die heutige Auszeichnung ist ja auch eine Anerkennung dafür. Gemeinsam wollen wir als Evangelische Kirche diesen Weg der Umkehr weitergehen und im Jubiläumsjahr ein Zeichen setzen.
Vor fast achtzig Jahren wurde 1939 in Eisenach auf der Wartburg durch 13 Evangeli-sche Landeskirchen und unter starkem Einfluss der Deutschen Christen ein soge-nanntes „Institut“ gegründet, das sich die „Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ zum Ziel gesetzt hatte. Dieses Ziel wurde – Gott sei Dank – nie erreicht. Und wir durften einen Neuanfang machen. Heute erkläre ich als Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland die Absicht der EKD, gemeinsam mit ihren Gliedkirchen eine neue Stiftungsprofessur zur Erforschung und Förderung des christlich-jüdischen Dia-logs für die Dauer von 10 Jahren einzurichten. Sie soll die vorhandenen, vielfach in der Verantwortung der Landeskirchen und anderer Institutionen und Vereinigungen stehenden Initiativen auf diesem Gebiet unterstützen und verstärken. Sie ist ein ge-meinschaftliches Zeichen der Evangelischen Kirche in Deutschland und ihrer Gliedkirchen auf dem Weg der Buße und der Abkehr von dem schuldbeladenen Irr-weg, für den das Eisenacher Institut beispielhaft steht. Sie ist ein Angebot, den Weg des Dialogs und der Verbundenheit mit dem Judentum gemeinsam weiter zu gehen, im Vertrauen auf Gottes große Barmherzigkeit und unverbrüchliche Treue gegenüber dem biblischen Gottesvolk Israel.
Ich bin überzeugt davon, dass Martin Luther, würde er heute auf die Geschichte der Jahrhunderte seit der Reformation zurückschauen, die These über die Buße, die ihm so wichtig war, dass er sie an die erste Stelle seiner 95 Thesen gesetzt hat, selbst ernstnehmen würde. Ich bin überzeugt davon, dass wir im Sinne Martin Luthers han-deln, wenn wir als Evangelische Kirche in Deutschland heute sagen: Wir bitten um Vergebung für das unermessliche Leid, dass, auch im Namen Martin Luthers, unse-rem jüdischen Schwestern und Brüdern angetan worden ist.
Die Freundschaft, die wir heute von Ihnen erfahren dürfen, empfinden wir als großes Geschenk. Und als Verpflichtung, allen neuen Tendenzen des Antisemitismus und der Menschenfeindlichkeit heute entschieden entgegenzutreten. Zusammen mit Menschen anderer religiöser und weltanschaulicher Überzeugungen wollen wir uns gemeinsam dafür einsetzen, dass Hass und Gewalt überwunden und die Würde des Menschen überall geachtet wird.
Wenn das Reformationsjubiläumsjahr dazu einen Beitrag leisten könnte, dass alte Grenzen zwischen Menschen, die so viel Leid verursacht haben, heute überwunden werden, dann würden wir ernstnehmen, wozu wir immer wieder von neuem auf dem Weg sind und worum es auch der Reformation am Ende gegangen ist: die Liebe Got-tes, von der wir sprechen, selbst auszustrahlen. Gott möge uns dazu die Kraft geben.
Vielen Dank!

Zurück